Altbewährtes?

Six:

 

Er war der letzte Sohn des Hauses. Noch heute würde er Marlein heiraten, und nun nahm ihn sein Vater beiseite.


„Kommt mit, Six!“, befahl er, führte ihn vor die Hütte.
„Höre!“, sagte er, während er das gefürchtete Weidenrutenbündel von der Wand nahm. „Ihres Vaters Muntschatz in Silbergulden ist bezahlt, so ist Marlein nun dein rechtmäßig Weib.“ Er nestelte drei dicke Weideruten heraus und überreichte sie Six. „Deine Brüder ließen dich wohl wissen, wie man ein Weib behandeln soll? Gib ihr kräftig mit der Rute, um sie anzuwärmen, und dann nimm, was dir gebührt.“


Six sah zu Boden. Er wusste, was der Vater meinte, hatte oft genug die Tränen seiner Mutter rinnen sehen und ihr unterdrücktes Schluchzen gehört, wenn Vater seine „Ruten“ tanzen ließ. Auch bei den Brüdern. Sie hatten ihn gelehrt, wild wie ein Stier zu sein und sich sein Weib ohne Erbarmen untertan zu machen. Six allerdings war da nicht so sicher. Sie hatten ihn ausgelacht, den Bub!



„Habet Dank, Herr Vater!“, sagte er trotzdem ehrerbietig und ging ins Haus, um von seiner Mutter Abschied zu nehmen. Er liebte sie über alles, und Tränen stiegen hinter seinen Lidern. Dabei würde er ja nur in der Nachbarhütte leben.



„Gehabt euch wohl, mein ehrenwertes Mütterlein!“, flüsterte er und verhinderte nicht, dass sie ihn in die Arme nahm. Der Vater sah es ja nicht.
„Drängt Euch eine Frage, Sohn?“
Sie wusste immer, wie ihm ums Herz war.
„Ich hörte sagen …“
„Nur frisch heraus damit!“
„… es ging auch ohne Stock und Pein, könne gar trefflich und wohl gelitten sein sogar.“
Sie besah ihn durch die Wimpern, lächelte zärtlich.
„Das hört ich auch, doch wüsst ich nicht…“
Da vernahmen sie auch schon den Vater.
Sie hielt sein Gesicht an ihres gedrückt und wisperte: „Wenn du ihre Lieb erheischt, nicht befiehlst und zwingst, wird sie dir hold sein."
Als die Tür aufsprang, ließ sie ihn los, und er deuchte sich genauso klug als wie zuvor.



„So gehet nun zu eurem Weib, und zeiget ihr, wer Herr im Haus!“



Marlein:


Da saß sie nun im Haus ihres neuen Herrn. Oh ja, sie kannte ihn von Kindesbeinen.

 

„Ich könnte ihm wohl gut sein, wenn er nicht ist, wie die andern.“, dachte sie.

 

Doch dieses Leben war wohl unerreichbar. Sie kannte auch seine Brüder und den Vater. Er würde lauern vor der Tür – auf ihre Schreie …



Süß war sie und jung, hold und schön von Angesicht, und als Six kam, die Ruten in der Hand, war ihr recht zittrig zumut. Wollte er wirklich …? Ihr Blick hing wie gebannt an den Ruten.


Er setzte sich aber aufs Bett und bat: „Kommt zu mir, holde Maid, und lasset uns etwas versuchen!“ Six legte den Finger an die Lippen und ließ die Rute aufs Polster niedersausen.
Marlein erschrak, doch kam sie näher. Warum betrachtete er sie so lieb? Sein Lächeln gab ihr Mut.
„Wollt ihr mir in allem zu Willen sein?“, fragte er vernehmlich.
Marlein nickte.
Six lächelte verschwörerisch – und knallte aufs Polster.
„Redet! Und … zieht euch aus!“, befahl er lautstark, stand aber gleichzeitig auf und begann behutsam, ihre Schleifen zu lösen, zwinkerte ihr zu.
Marleins Augen begannen zu leuchten. Sie glaubte plötzlich zu verstehen.

 

Sie spielten ein Spiel für den Vater vor der Tür.
„Ja, mein Herr!“, antwortete sie betont weinerlich.
Six küsste sie auf die Nasenspitze und nickte zufrieden. Sie verstand ihn.
„Schneller!“, bellte er.
Und wirklich, sie beeilte sich – aus freiem Willen - schürzte ihren Rock.
Auch er nestelte an seinem Hochzeitsgewand.
„Hier kniet euch her!“, befahl er streng, schüttelte aber auch den Kopf, half ihr sich niederzulegen, kam an ihre Seite und küsste ihren Mundwinkel. Seine Hand streichelte zärtlich ihr bloßes Fleisch.

 

Ein Schauer der Liebe überflog ihren Leib.

 

„Mein Six, mein Herr!“, flüsterte sie leise.
„So, nun seid ihr mein!“, verkündete er für den Vater und knallte erneut die Rute.
Marlein stieß einen schrillen Schrei aus und küsste glücklich seine Hand.
Ihre blauen Augensterne strahlten ihn an.



Die Alten hatten ihre Macht verloren.

Sie hatten einen neuen Weg gefunden!

 

© Anna