Freunde?

 

Auf dem Parkplatz vom Supermarkt steht er, der Herr Doktor. Nein, er ist kein Arzt, aber was er genau macht – außer Public Relation – das weiß ich nicht. Jedenfalls strahlt er mich an, wie ein Honigkuchenpferd. Wir kennen uns noch nicht so lange, drum verstehe ich diese übermäßige Freude nicht so ganz. Wir haben uns bei meiner Freundin kennengelernt, bei Martina. Sie gibt leidenschaftlich gern Partys, und seit neuer Zeit sind wir auch eingeladen. Es passt irgendwie mit uns – hab ich zumindest gedacht.


Nun kommt er strahlend auf mich zu und drängt mich an den Rand des Platzes.
„Was ich dich mal fragen wollte …“
Dann schüttelt er sich, wird eine Nuance blasser, verschluckt sich und wechselt ganz augenscheinlich das Thema.
„Wie geht es denn deinem Mann?“
„Gut, danke!“
Macht er immer noch das … ich meine, ist er immer noch so oft weg?“
Ich nicke. „Klar, es gefällt ihm sehr, also warum sollte er nicht?“
„Ja, klar, ich verstehe schon! Aber … ich meine …“
Herrgott, was will der von mir? Nun spuck es schon aus. Es ist doch ganz klar, dass ihm etwas auf den Nägeln brennt. Aber manchmal kann ich stur sein. Ich helfe ihm nicht weiter.
Seine Stimme wird leiser, geheimnisvoller. „Weißt du, die Martina, die hat mir da ein Geheimnis verraten!“
Ein Geheimnis? Ich weiß grade nicht, wovon der redet, also sehe ich ihn ratlos an – und auffordernd.
„Naja …, ähhhh … sie meinte, du würdest da so, so …“
„Ja?“ Wird das heute noch? Ich hab grad heute so gar keine Zeit.
„Naja, ich wollte mal gefragt haben, …“

Pause

„Was?“
„Naja, ich wollte mal gefragt haben, … was das denn kosten würde?“
Hä? Wovon redet der Mensch eigentlich?
„Was?“
„Naja, die Martina, die hat mir ja dein Geheimnis verraten!“
Ich sehe ihn fragend an.
„Keine Angst, Emilia, es ist bei mir in guten Händen! Ich bin diskret! Wem sollte ich es auch verraten? Meiner Frau?“ Er lacht zu laut und dümmlich, so, als müsse ich diesen Insiderwitz verstehen.
Mein Geheimnis? Herrgott, Martina weiß kein Geheimnis von … Hoppla! Himmel hilf, das ist jetzt aber nicht wahr. Wenn es das ist, was ich vermute, dann war sie die allerlängste Zeit meine Freundin. Aber diese blöden Andeutungen, das kommt hin.
In der Meinung wirklich eine neue Freundin gefunden zu haben, habe ich ihr, meiner Freundin Martina, wirklich ein Geheimnis verraten. Ein kleines! Ich habe ihr erzählt von unserem Forum. Habe ihr erzählt, dass ich schreibe. Manchmal sogar Erotik!
Wäre er nicht so hochgradig nervös und vermutlich geil, würde er bemerken, dass mein Gesicht Unheil verkündet.
„Jahha?“

Pause

„Naja, ich wollte mal gefragt haben, … was das denn kosten würde?“
„Was denn, Thomas?“
„Naja …“ Er windet sich, und es ist ihm sichtlich unangenehm, aber die, die er da vor sich hat, ist wohl offenbar nicht die, für die sie sich ausgibt! Und so eine Chance kriegt er nie wieder.
„Du, ich hab grad gar keine Zeit, Thomas.“
Das ist der Katalysator.
„Ich würde gern wissen, was es kostet … mit dir?“
„Mit mir?“ Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, was da los ist, aber ich denke gar nicht daran, ihn aus der Falle zu befreien, in die er sich selber hineinmanövriert hat.

„Naja, ich war mal … da!“
„Aha! Du warst da. Wo?“
„In … in dem … im Deepnet …“
„Hä?“ Jetzt wird es mysteriös. Er war - wo?
„Naja, da, wo man all sowas findet. Gauner und Killer … und eben auch …Sex! Ich habe das gelesen …“
„Aha!“ Mein Gott, ist der Kerl doof. Er war im Deepnet? Vermutlich meint er Darknet! Und nun hat er gewissermaßen Superwoman im Bett geradewegs vor sich! Ich glaub das jetzt nicht. Ich glaub auch nicht, dass meine Freundin, MEINE FREUNDIN … Aber pass auf, das Ding geht nach hinten los, du dumme Nuss, du blödes, blödes Stück! In mir kocht es, und was ich vorhatte, ist vergessen.
„Du hast gelesen …“ Meine Stimme ist nun ebenfalls gedämpft, geheimnisvoll, erregend. Wobei das egal wäre. Ich könnte schnarren wie Dagobert Duck. Der Kerl ist spitz wie Nachbars Lumpi und will sein Recht einfordern. Das glaubt er zumindest.

„Ja, ich habe … g e l e s e n … und ich denke mir, wenn du das … sowas … schreibst …“
Ich lächle. Klar, alle Männer glauben, das seien Erlebnisaufsätze, die nur sie allein betreffen.
„Du hast das bestimmt … du musst doch … ich meine … Erfahrung … sowas schreibt man doch nicht einfach so … so ohne … und da dachte ich eben, …“
„Du dachtest … was, mein lieber Thomas?“
„Naja, … ich dachte mir, ich könnte ja mal fragen, was es denn kosten würde, so … so … so was … so eine Geschichte … zu erleben?“
Er schaut gerade aus wie ein frisch gekochter Hummer: Knallrot! Die Augen stehen ihm aus dem Kopf, und er knetet seine Scheren.
Ich fühle mich auch wie frisch gekocht – innerlich. Allerdings bin ich vermutlich weiß wie die Wand. Ich bin sauer. Stinksauer!
„Was genau … meinst du jetzt?“, frage ich gefährlich leise.
„Naja, das … das eine … das mit … naja … pinkeln?“
Jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht anfange zu lachen, aber das geht nicht. Nicht bei dem, was ich vorhabe.
„Das kommt drauf an!“
Er schnappt nach dem Köder wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft.
„Ich hab … ich hab Geld!“
„Naja!“ Ich sehe ihn an – von unten nach oben – durch die Wimpern.
„Jaaa dann! Wie wäre es … mit einem Dreier?" Ich hätte nicht geglaubt, dass es noch röter geht. Es geht!
„Ein … ein … ein Dreier?“ Er röchelt. „Mit … mit wem?“
„Na, was meinst du?“ Ich sehe es rattern in seiner roten Birne. Gleich schießt ihm der Dampf aus den Ohren.
„Doch nicht …? Martina? Nein! Oder doch?“

Ja, das ist die richtige Rache, du Süße!

„Und er? Erwin?“
„Ach das ist kein Problem. Den sperrt sie ein. Er liebt sowas. Er kann durchs Schlüsselloch spannen. Zu mehr taugt er eh nicht!“
„Aber, aber, aber …“ Seine Anschauung von der Welt geht gerade vor die Hunde!
FEIN!
„Aber …“ Nun kommt noch das dicke Ende. „Es ist nicht ganz billig!“
Er leckt sich die Lefzen.
„Was ist schon Geld! Wieviel?“
Ich lächle. „1000!“
„Logisch!“
Das ging jetzt aber fix, da war ich wohl zu billig. Ich lege nach: „Für jede!“
Er schluckt. Zwei Mille sind verdammt viel Geld, aber, aber, aber … Seine Rechenmaschine rattert wieder, aber mittenhinein grätscht seine Gier. Er kriegt einen Dreier dafür, und … sein liebster und geheimster Traum wird wahr. Er wird angepinkelt. Wenn man das bedenkt, ist es direkt ein Schnäppchen.
„Wenn dir das aber zu viel …“
„Nein!“ Wie aus der Pistole geschossen.
„Okay, dann heute Abend – bei Martina! Sagen wir um … 10 Uhr!“ Ich will, dass sie ganz sicher zuhause ist. „Das Passwort ist: Verlogenes Miststück!“, flüstere ich, sehe mich um, wie bei einem konspirativen Treffen, und lasse ihn stehen.

Mein Tag ist gelaufen, mein Termin geplatzt. Ich entschuldige mich telefonisch und fahre heim.
Glaubt man sowas?
Kann es sowas geben?
Sind Männer eigentlich grundsätzlich hirnvernagelt?
Ich fasse es nicht.
Und sie!
Wie kann sie sowas glauben – von mir?
Warum fragt sie nicht, wenn sie es schon vermutet?
Glaubt sie eigentlich auch, Agatha Christie habe Kohorten von Menschen meuchlings ermordet?
Meine Freundin!
Meine liebe Freundin?
Ist sie das noch?
Nach heute Abend nicht mehr.
Warte nur, dir werde ich heimleuchten!
Der Gedanke an Martina liegt mir im Magen.
Ich mochte sie. Sehr!

Der Gedanke an Thomas amüsiert mich.
Er ist jetzt heimgegangen mit einem Ständer ohnegleichen – und der wird auch nicht abnehmen bis heute Abend.
Wichsen wird er trotzdem nicht.
Das Risiko ist zu hoch.
Schließlich ist er nicht mehr zwanzig!
Auch nicht vierzig!
Sechzig – vielleicht!
Und heute Abend muss er ja seinen Mann stehen.
Bei zwei Frauen!
Und was für Frauen.
Seine kann da nicht mithalten.
Nein! Never!
Und dass er diese beiden haben würde …
Niemals, nicht mal im Traum, hätte er daran gedacht.
Heute Abend wird er beweisen, was für ein Hengst er ist.

Um kurz vor 10 Uhr bin ich da.
Im Schatten.
Ich warte.
Punkt 10 Uhr steht er vor der Türe.
Zupft nervös an seiner Krawatte.
Dann läutet er.

Erwin kommt zur Türe, schaut verwundert, aber der Doktor ist ein Freund.
Martina kommt dazu.
„Verlogenes Miststück!“ murmelt unser Freier unsicher.
Martina schaut komisch.
Was geht hier vor?


Fröhlich und laut komme ich ums Eck.
„Ah, ihr seid schon da! Wunderbar. Warum hast du IHN …“ ich deute auf ihren Ehemann, „noch nicht weggesperrt?“
Den beiden fallen fast die Augen aus dem Kopf.
„Lasst uns doch reingehen!“ Ich dränge sie ins Haus, schließe die Tür.
„Weißt du, Schätzchen, er weiß es!“
„Er weiß … was?“ Langsam wird die unsicher. Sie hat das Geheimnis einer Freundin verraten. Sie weiß es. Das Gewissen drückt.
„Na, dass du immer dabei bist!“ Ich benehme mich ganz selbstverständlich.
„Wobei?“ Das versteht sie jetzt nicht.
„Na bei den Dreiern!“
„Bei was?“ Ihr Gesicht entgleist.
„Und dass Erwin im Nebenzimmer leidenschaftlich spannt. Aber unser … Freier … ist einverstanden. Wir müssen es also nicht mehr geheim halten!“

Erwin ist kreidebleich. „Wie ...“ Seine Stimme ist gebrochen. Er räuspert sich. Dann schreit er los: „Wie kannst du sowas behaupten? Bist du verrückt geworden?“
Ich bleibe ganz cool. „Reg dich nicht auf, Erwin, er zahlt den vereinbarten Preis. 1000 Euro für jede von uns. Das wolltest du doch?“

Martina ist auf einen Stuhl gesunken.
Sie schaut mich an.
Waidwund.
„Wie kannst DU nur sowas von MIR erzählen?“

Meine Blicke können jetzt töten. Da bin ich sicher.
„Ich? Wie kann ICH sowas von DIR erzählen? Ja, meine liebe Freundin, das ist eine wirklich sehr gute Frage. Frage nicht, wie ich gestaunt habe, als er …“, ich zeige auf einen immer kleiner werdenden Freier, „mich heute auf dem Parkplatz gefragt hat, was es kosten würde, wenn ich ihn anpinkle. Und er hat mir bereitwillig erklärt, dass du ihm „mein kleines Geheimnis“ verraten hast."
Jetzt dämmert es. Sie ist weiß, wie die Wand.

„Und jetzt würde ich vorschlagen, ihr haltet mal Kriegsrat und überlegt euch, wie ihr das alles wieder ins Reine bringt. Ich gehe jetzt nach hause. Und … meine lieben Freunde, ihr solltet eines nicht vergessen: Ich kann schreiben, und dank dir, meiner liebsten Freundin, liest wohl nun das ganze Dorf mit. Was glaubt ihr wohl, wovon meine neue Geschichte handeln wird? Ihr könnt ja dann beteuern, dass das alles reine Fantasie ist. Man wird es euch sicher glauben!“

Ich gehe heim. KEINER wird es wagen, jemals unfreundlich zu mir zu sein – oder gar eine Andeutung zu machen.

Blödes Volk, blödes!

 

© Anna