Der Großjägermeister


Grablegung eines Schwans

 

Nein, Engelin hatte nichts gehört, aber sie hatte ihn damit in die Flucht geschlagen, und Lorencz würde ja wirklich bald kommen. Er hatte es versprochen. Sie sah zum Horizont. Gut, es war noch nicht so weit, aber lange würde es nicht mehr dauern bis zum Sonnenuntergang. Sie ging nochmal zu „Yrmells Grab“. Ob er das akzeptieren würde? Sie wollte den Schwan, oder was von ihm übrig war, nicht ausgraben müssen, aber … Sie hatte noch ein Stück davon. Wenn sie den Priester einlud, mit ihnen zu speisen und anschließend … Auch sie hatte eine große Schlafstatt. Unter diesen Umständen wäre er bestimmt nachsichtig, was eine Umbettung ihrer „Muhme“ betraf.

 

Allerdings wollte sie dann Claris irgendwie verschwinden lassen. Engelin lächelte. Das Mädchen bettelte schon so lange, unter dem Dach schlafen zu dürfen. Heute würde sie ihr das erlauben! Sie ging zurück ins Zimmer, holte noch ein Schaffell und trug es hinter die Hütte. Dort hatte sie eine Menge trockenen Holzes zum Feuermachen aufgestapelt. Daneben stand eine Birke, deren Äste bis fast zur Hütte reichten. Wenn sie darüber das alte Stück einer Rinderhaut breitete, das sie einst aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatte, dann entstand ein heimeliges, kleines Eck, das als Schlafplatz für Claris ideal sein würde. Die Frage war nur, würde sie jemals wieder woanders schlafen wollen? Na ja, spätestens, wenn es kalt wurde!

 

Kaum hatte sie das Kinderbett eingerichtet, hört sie den Kirchenmann kommen. Und bist sie um die Hütte herumkam, stand auch schon ihre Kleine davor.

„Ich grüße euch, holde Maid!“

Es war nicht so ganz klar, wen er meinte, aber Claris verneigte sich höflich und erwiderte perfekt: „Auch ich grüße euch, frommer Herr!“

Engelin freute sich. „So habt ihr euch ja schon kennengelernt.“ Sie wandte sich an den Geistlichen: „Wie schön, euch hier wiederzusehen, wenn auch aus betrüblichem Anlass. Habt ihr den Großjägermeister noch getroffen?“, fragte sie, obwohl das zeitlich gar nicht möglich war, aber sie wollte, dass Lorencz um die Besuche dieses Mannes wusste.

 

Der Priester riss die Augen auf. Mit diesem knorrigen Gesellen hatte man besser keine Händel. „Ach! Was wollte er hier?“

„Ich weiß es selber nicht genau. Er erzählte mir von einem Gesetz und von einer Schuld, die ich zu begleichen hätte. Er sagte, er käme wieder, und dann … aber ich weiß nicht, wovon er redete!“ Engelin stellte sich absichtlich dumm.

„Und um welches Recht sollte es sich hierbei handeln?“

Engelin zuckte sie Schultern. Es war … Latein, glaube ich. „Lusch prius nochdus!“, oder so ähnlich.“

Lorencz wusste sofort, was sie meinte. Er explodierte fast vor Wut. „Das Jus primae noctis! Ja, so ein Haderlump! Da erzählt er euch von Schuld und macht euch wirr, dabei gilt dies Gesetz bestimmt nicht für euch – und wenn, dann kann er es nicht einfordern. Das darf nur der Landgraf.“ Sein Gesicht leuchtete knallrot und er atmete schwer. „Habt keine Angst, mein Kind, der Herr Großjägermeister hat eine Höllen-Angst, und ich weiß jetzt auch warum. Ich werde ihn bei der nächsten Beichte stracks ins Fegefeuer befördern, wenn er solche Bösartigkeiten vollbringt.“

 

Engelin musste sich beherrschen, nicht loszulachen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Dieser Priester war ein echter Freund an ihrer Seite. Spontan umarmte sie ihn und küsste seine Wange.

„Was ist denn das?“, fragte Claris, die um ihn herumgesprungen war, und den Korb in seiner Hand entdeckt hatte.

Bruder Lorencz lächelte und reichte ihr den Korb. „Das ist mein Gewand und … ein Geschenk für euch!“

Claris juchzte, als sie noch mehr Pflaumen fand, zwei Zwiebeln und einen Hasen.

„Mama, wir haben was zu essen bekommen!“, und auf einen Wink von Engelin fügte sie artig hinzu: „Habt Dank, mein Herr!“

„Du darfst Lorencz zu mir sagen, Kleine, aber nun müssen wir die alte Yrmell zu Grabe tragen!“

Claris machte große Augen, sagte aber nichts. Erwachsene waren manchmal seltsam, das wusste sie schon. Da war es besser, man hielt den Mund und mischte sich nicht ein. Ihre Mama würde schon wissen, was zu tun sei. Und das wusste sie dann auch. Sie gab ihr eine Handvoll der köstlichen Pflaumen und zeigte ihr das abenteuerliche „Schlafgemach“.

Oh wie war das wunderbar. Das musste sie sofort erkunden. Was interessierten sie da Erwachsenen-Kram?

 

„Wo kann ich mich umziehen?“, fragte der Priester, und sie wies ihm die offene Kammer bei Claris’ neuer Bettstatt.

Hocherfreut brachte sie die Leckereien ins Haus. Sie würde ihm gern von dem Schwanenbraten abgeben, zumal er ja schon für Ersatz gesorgt hatte.

 

Als Engelin aus ihrer Kate trat, stand Bruder Lorencz in violettem Messgewand mit schwarzem Birett vor ihr, und sie knickste ehrfürchtig. Jetzt war er nur noch ein Diener Gottes, und ihr wurde nun doch ein bisschen ängstlich ums Herz. Ob es eine Sünde war, die sie soeben im Begriff war zu begehen? Sie wollte einen Schwan begraben! Aber was blieb ihr übrig?

„Nun, meine Liebe, die Totenwache im Hause der Verstorbenen, die Einsargung und die Überführung zum Grabe habt ihr ja wohl schon geleistet, nicht wahr? Drum zeigt mir nun die Stelle, wo ihr unsere liebe Schwester Yrmell verbrannt habt.“

Sie deutete ans Ende der Lichtung, dahin, wo bisher ihr alter Erdofen gewesen war. Bruder Lorencz nahm sie an der Hand und führte sie hinüber.

„Hier?“ Er deutete auf das mit bunten Blättern abgedeckte Stückchen Erde.

Engelin nickte. Sie brachte momentan keinen Ton heraus. Vielleicht hielt er das ja für echte Ergriffenheit und Trauer. Ihr sollte es recht sein.

 

Ganz seiner geistlichen Aufgabe hingegeben, schlug er das Kreuz und begann mit einem lateinischen Singsang:

Vere dignum et justum est, æquum et salutare, nos tibi semper et ubique gratias agere: Domine sancte, Pater omnipotens, æterne Deus: per Christum, Dominum nostrum. In quo nobis spes beatæ resurrectionis effulsit, ut, quos contristat certa moriendi condicio, eosdem consoletur futuræ immortalitatis promissio. Tuis enim fidelibus, Domine, vita mutatur, non tollitur: et, dissoluta terrestris …”

 

Engelin wusste in etwa, was das bedeutete. Es war ein Trost über den Verlust, den man erlitten hatte und die Sterblichkeit im Allgemeinen und der Hinweis auf das ewige Leben durch Gott und bei ihm. Sie versuchte so würdevoll wie möglich auszusehen, bedrückt über den Tod ihrer Muhme, aber wenn sie an den Schwan dachte, dem diese Trauerfeier zuteil wurde, kam sie das Lachen an. Hoffentlich dauerte dieses Begräbnis nicht allzu lang.

Sie betrachtet den jungen Geistlichen. Vielleicht hatte ihn ja der liebe Gott geschickt. Er war hübsch, weich und – es überraschte sie immer noch – sie fand ihn sehr anregend! Sie dachte an sein Erstaunen, als er sie gepfählt hatte und ihr dabei in die Augen sah. Oh doch, sie würde noch viel Freude an ihm haben. Beglückt rieb sie ihre Schenkel aneinander. Sie musste nur behutsam vorgehen.

 

„In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.”

 

Nun hatte sie doch glatt den Rest der Litanei verpasst.

„Amen!”, echote sie und schlug das Kreuz. „Danke, mein guter Vater! Ich danke euch vielmals! Nun hat meine liebste Muhme den Frieden vor Gott, den sie verdient!”

Seite an Seite gingen sie zurück zum Blockhaus, und sie konnte nicht umhin, ihn sich nackt vorzustellen – und da hatte sie eine Idee.

 

© Anna


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