Altes Wissen

Die Geschichte einer weisen Frau, die sich in einer dunklen Zeit behaupten muss:

 

Mutabor!

Yrmell hatte alle Zutaten exakt gewogen und verarbeitet. Noch immer wusste sie nicht, ob sie den Zauber initiieren sollte. Ihr Lehrmeister hatte sie damals gewarnt. Dieser Zauber barg eine ungeheure Gefahr: Da er so reizvoll war, konnte man versucht sein, ihn um seiner selbst willen zu nutzen. Das wollte sie aber nicht. Sie wollte nur Claris hegen und ihr ermöglichen, ein Alter zu erreichen, in der sie ohne Hüterin leben konnte.


Der Priester

„Sagt mir, mein guter Vater, Yrmell hat mir erzählt, dass euer Vorgänger verkündet hat, dass Männer der Kirche nicht von den leiblichen Früchten naschen dürfen. Er war seinem Gott da wohl sehr treu!“ Sie wollte wissen, wie sehr dieser Mann seinem Herrn ergeben war, und inwieweit er ihr … ergeben sein könnte. Der junge Mann lächelte nachsichtig. „Wisset, meine Liebe, Bruder Cuno war schon sehr alt und diesen Freuden, die ja auch eine Gabe unseres Herrn sind, schon lange nicht mehr zugetan."


Engelswesen

„Steh auf, mein Liebchen!“ Engelin kuschelte sich an Claris, so dass sie ihren Duft atmen konnte, und das Kind schlang ihr die Ärmchen um den Hals und schnurrte. „Ich hab was Feines zum Morgenmahl!“, lockte sie mit gewohnter Stimme, und Claris öffnete die Augen. „Oh Mama, wie bist du schön!“, flüsterte die Kleine erstaunt, doch dann kamen ihr elementarere Bedürfnisse in den Sinn. „Hunger!“, forderte sie und glitt von ihrem Lager.


Der Großjägermeister

Als Engelin die Schritte hörte, war sie sofort hellwach. Diesen Schritt kannte sie nur zu gut, denn er hinkte! Er klang bedrohlich und gehörte dem Großjägermeister des Grafen, und der war der widerlichste Hundsfott des gesamten Mannsvolks. Purckhart hatte ihr dereinst Gewalt angetan, aber sie war noch jung und unerfahren gewesen, gerade frisch aus ihrer Heimat, dem äußersten Westen des Frankenreiches angekommen und der Sprache noch nicht mächtig. Heute würde ihr das nicht mehr passieren. Woher wusste dieser Haderlump, dass es hier Frischfleisch zu holen gab?


Grablegung eines Schwans

Nein, Engelin hatte nichts gehört, aber sie hatte ihn damit in die Flucht geschlagen, und Lorencz würde ja wirklich bald kommen. Er hatte es versprochen. Sie sah zum Horizont. Gut, es war noch nicht so weit, aber lange würde es nicht mehr dauern bis zum Sonnenuntergang. Sie ging nochmal zu „Yrmells Grab“. Ob er das akzeptieren würde? Sie wollte den Schwan, oder was von ihm übrig war, nicht ausgraben müssen, aber … Sie hatte noch ein Stück davon. Wenn sie den Priester einlud, mit ihnen zu speisen und anschließend … Auch sie hatte eine große Schlafstatt. Unter diesen Umständen wäre er bestimmt nachsichtig, was eine Umbettung ihrer „Muhme“ betraf.


Heiße Quellen

„Wenn ihr euch umgezogen habt, mein lieber Bruder, dann zeige ich euch ein Geheimnis unserer Gegend, das ihr bestimmt noch nicht kennt, aber vielleicht habt ihr ja von dem durstigen Hirschen gehört, der trinken wollte und unsere heiße Quelle fand? Dahin werde ich euch bringen!”

„Heiße Quelle? Was ist das?“, fragte er neugierig.

„So wartet einen Augenblick, ich muss Claris kurz versorgen, dann zeig ich es euch!“

Sie nahm ein Stück Brot, goss Joghurt in eine hölzerne Schale und legte fünfzehn Pflaumen dazu, dann ging sie ums Haus zu Claris.

„Liebling, ich muss dem Bruder noch unsere Quellen zeigen. Hier hast du zu essen. Wasser nimmst du dir selber, wenn du magst. Spiel einstweilen, und wenn du müde bist, dann kuschle dich in dein neues Sommerbett. Wir sind bald wieder hier.“ Sie gab der Kleinen einen Kuss und ging zurück zu Lorencz.