Aktmodell auf Zeit 1


Aktmodell auf Zeit 2

 

„Mara, meine Liebe, ich hätte da mal eine etwas unangenehmere Anfrage für dich. Du kannst gerne nein sagen.“

„Schieß los.“

„Es geht um einen Studenten, sehr talentiert! Ich habe dir was von ihm geschickt, sieh es dir an.“

Sie folgte mir zu meinem Notebook und wartete, bis ich den Anhang ihrer E-Mail geöffnet hatte.

„Das ist ein Schwarzweißfoto. Nett.“

„Das ist kein Foto. Sieh es dir genauer an.“

Sie deutete auf ein paar Stellen, ich ging näher ran und musste feststellen, dass sie recht hatte.

„Wow! Okay, der Junge kann zeichnen. Was ist jetzt mit der Anfrage? Du machst es ja ganz schön spannend heute.“

„Sein Prof hat ihm ein etwas ungewöhnliches Projekt aufgedrückt. Er soll Geschlechtsteile zeichnen. Im Detail.“ Sie sah mich auffordernd an und fügte mangels Reaktion hinzu: „Du müsstest mit gespreizten Beinen vor ihm sitzen und er würde dich zeichnen, partiell.“

„Eva“, ich sah sie ernst an, „wann kommt der unangenehme Teil?“

Sie lachte. „Ich dachte mir eigentlich, dass du so reagieren würdest. Du bist unmöglich!“

 

Johann war keiner dieser Jungs Anfang zwanzig, eher meine Altersklasse. Er sah gut aus, lachte über meine Witze und kniete direkt vor mir. Ein vielversprechender Anfang. Er war der erste Zeichner, bei dem ich spürte, wie ich langsam aber zunehmend feucht wurde. Das mochte an seiner Nähe liegen oder an seinen Augen, die mitunter nicht sehr konzentriert wirkten.

 

Er hielt mir ein paar Mal Daumen und Zeigefinger im rechten Winkel vor die geöffneten Schenkel und machte Anstalten, mich zu berühren, zog dann aber doch seine Hand zurück. Er sah aus, als sei irgendwas nicht an seinem Platz, wenn seine Finger auf mich zukamen. Dann wieder sah er mich an, als krieche gerade irgendwas Ekelhaftes aus mir heraus, wenn er von seinem Blatt aufblickte.

„Was ist?“, fragte ich mir einer Stimme, die genervter klang als sie sollte.

„Nichts, ähm, alles gut, nur, ähm“, wieder der sich nähernde Finger, „ich kann nur nicht wirklich sehen … könntest du wohl … etwas daran ziehen?“

„Wenn du wüsstest, wie gut ich daran ziehen kann!“, ging mir durch den Kopf. Ich legte zwei Finger über meinen Schamlippen an und zog sie etwas hoch, in der Hoffnung, für wiederhergestellte Symmetrie gesorgt zu haben.

„Nicht hoch, eher so zur Seite, also weiter auf.“

Das war genau die richtige Richtung, stellte ich innen wärmer und unten feuchter werdend fest. Ich zog, er nickte, ich drohte auszulaufen.

 

Nach ein paar Minuten wieder dieser Blick. Mittlerweile sicher, dass nicht mein hygienischer Zustand die Ursache für sein Unbehagen war, beschloss ich, der Situation etwas mehr Fremdwirken beizumischen.

„Dann solltest du es vielleicht mal so arrangieren, wie du es brauchst. Ich kann es ja nicht sehen.“

Er sah mich erstaunt an, dann irgendwie erleichtert und ein bisschen … erfreut.

„Echt? Darf ich?“

„Du musst!“, wollte ich rufen, nickte und ventilierte mich zur Ordnung.

Er berührte mich erst zaghaft, nur mit einem Finger, kam nicht wirklich voran und setzte schließlich die Hand so ein, das er Ergebnisse erzielte. Auch in mir. Sein Finger erhielt eine Kostprobe des Feuchtegrades, den ich selbst spüren konnte.

„Wenn er ihn ableckt, ist er reif“, legte ich mich fest. Ich fand das fair, seine Chancen standen fünfzig zu fünfzig.

 

Er zeichnete wieder konzentrierter, rückte zurecht, was jetzt mal ordentlich gerückt werden wollte und kratzte sich nachdenklich an der Nase.

 „Das gilt als abgeleckt!“, entschied ich, „Er ist reif!“

„Du kannst ruhig näher ran, wenn du … also, wenn es hilft.“ Sollte er sich ruhig ein paar Pheromone abholen, denen ich gedanklich etwas Überzeugungskraft beizumischen versuchte.

Meine Beine gingen weiter auseinander, ohne dass mir eine diesbezügliche Entscheidung bewusst war. Ich wollte ihn an den Haaren fassen und in mich hineinziehen. Und eindeutig nicht zu Anschauungszwecken.

 

Sein Blick war das Gegenteil von konzentriert und galt nicht mehr nur dem, was er zu kopieren versuchte. Er sah an mir hoch, setzte ein Lächeln auf, das so süß war wie die Geburtstagstorte, die Eva mir serviert hatte und legte Stift und Papier ab.

„Wir können auch im Bett weitermachen, wenn das für dich bequemer ist.“

„Wir können auch eine Pause machen, bis wir mit der Sache im Bett fertig sind“, verdeutlichte ich.

 

Ich beugte mich vor und legte ihm die Arme um den Hals, weil er sich anschickte, mich hochzuheben. Johann trug mich scheinbar mit Leichtigkeit in die Küche.

„Hm, nicht dein Schlafzimmer.“

Ich hätte ihm einen Tipp geben können, aber er hatte schon gepinkelt und außer dem Bad gab es nur noch eine Tür. Das würde er schaffen.

Er warf mich aufs Bett, schüttelte damit meine wenigen Hemmungen ab und zog sich aus. Er kniete wieder zwischen meinen aufgestellten Beinen, hatte einen definitiv aufgeregteren Blick und einen definitiv aufregenderen Stift als im Wohnzimmer.

 

Sofort zog meine Hand ihn an seinen Bestimmungsort. Das Nachholen verpasster Berührungen duldete keinen Aufschub mehr. Das unvermeidbare Aquaplaning musste er hinnehmen, schien es aber auch zu genießen. Zumindest klang seine Stimme nicht nach Protest und meine wohl auch nicht.

 

Mein verräterisches Aufbäumen und die Bejahung noch nicht gestellter Fragen lösten wieder das zuckersüße Lächeln aus. Er kroch zu mir hoch, verriet mir durch dezente Berührungen, dass jetzt Stoßzeit war und glitt ohne Anstrengung in mich. Ich hielt mich am Bettgestell fest, dachte an die Schwerhörige unter mir, die Freundin gegenüber und befand, dass ich mich nicht zurückhalten musste. Johann war der erste Fick seit Jahren und das hier würde eine lange Sitzung werden.

 

Johann schien auch etwas aus der Übung, denn er kündigte seinen ersten Vollzug schon nach wenigen Minuten an. Das Kondom landete im Mülleimer neben dem Schminktisch und Johann wieder neben mir. Jetzt erfuhr ich, dass er zweiunddreißig war, für einen Studenten nicht zu jung, urteilte ich kichernd. Er hatte schon ein paar Bildbände erstellt und sich an welchen beteiligt und konnte mehr schlecht als recht von seiner Kunst leben.

 

Nach einer Neunundsechzig, an deren Ende er sich unverpackt hinter mich kniete, schien mein Anblick ihn zu inspirieren.

„Was hältst du davon, wenn wir zusammen ein Buch rausbringen? Du schreibst und ich zeichne Bilder zu deinen Geschichten.“

Das klang nicht abwegig und fühlte sich auch überzeugend an. Das in die Matratze gedrückte Gesicht hinderte mich am Nicken, bis er wieder gekommen war und nun der Fairness halber wieder seine Zunge zum Einsatz bringen musste. Ich stimmte zu, der Buchidee und den vielen wieder nicht gestellten Fragen.

 

Eva erhielt keine Provision mehr für Johanns Besuche, fand das nachvollziehbar und daher nicht schlimm. Johann lieferte ein paar vorzügliche Schweinereien zu meinen Geschichten ab. Sein Verlag war einverstanden, uns einen kleinen Vorschuss zu zahlen, den wir in unseren ersten gemeinsamen Urlaub investierten, meinen ersten seit Jahren.

Ich saß Johann mehrmals täglich Modell und erst am Ende des Urlaubs fiel uns auf, dass er seinen Stift vergessen hatte. Zum Glück nur den weniger aufregenden.

 

© Joyce C.