Aktmodell auf Zeit 1

 

Der junge Kellner sah in Evas Ausschnitt, als wollte er den Cappuccino auf ihr servieren. Mit sechsunddreißig sahen wir wohl noch knackig genug aus, um solche Blicke auf uns zu ziehen und Evas Ausschnitt war eine pure Provokation. Wir grinsten um die Wette, als der Jungspund sich mit seinem Tablett entfernte.

„Siebzehn Jahre“, sagte sie gedankenverloren, „wir waren zuletzt vor siebzehn Jahren hier,“

„Was hast du gemacht, nach dem Abi, dasselbe wie davor, dich vom halben Wedding flachlegen lassen?“ Ich kicherte albern.

„Im Wesentlichen.“ Wir kicherten beide.

„Wolltest du nicht studieren?“

„Kunstgeschichte. Habe ich. Davon kannst du prima leben, wenn du dir einen reichen Typen angelst.“

„Und das hast du?“

„Theoretisch.“ Ihr Gesicht verfinsterte sich. „Reich ist übertrieben, aber das spielt auch keine Rolle mehr. Der Herr hat ein Blondchen gefunden, dass wohl auf härtere Gangarten steht als ich.“

„Scheiße, ihr seid geschieden?“

„Noch nicht. Wir wohnen auch noch in einem Haus. Ich suche dringend was Neues, aber finde mal was Bezahlbares im Wedding, wo du nicht abends Angst haben musst, alleine nachhause zu gehen.“

„Du kannst eine Zeit lang bei mir wohnen. Ist nicht groß, aber wir kommen schon zurecht.“

„Das ist nett. Vielleicht komme ich mal drauf zurück.“

„Komm nicht drauf zurück, komm mit!“

 

Wir fuhren zu ihr und sie packte Klamotten gleich für mehrere Tage ein. Sie plünderte Kühlschrank und Weinkeller und ihr Auto klimperte in Richtung meiner Wohnung.

„Was hast du gemacht?“, knüpfte sie mit Sekt bewaffnet an das Bistrogespräch an.

„Germanistik und mich vom halben Wedding flachlegen lassen.“ Kichern.

„Was arbeitest du?“

„Ich schreibe. Davon kann man ungefähr so gut leben wie wenn man Ahnung von Kunst hat.“

Sie grinste, ich hob die Schultern.

„Wenn das Geld wieder knapp wird, nehme ich irgendwelche Jobs an. Bürohilfe, Projektassistentin, so Kram halt.“

„Hast du Lust, mal Modell zu stehen? Kannst du auch zuhause machen.“

„Wie jetzt, Modell?“

„Aktmodell, für Studenten. An der Universität der Künste habe ich damit angefangen. Als ich verheiratet war, habe ich es dran gegeben und von da an nur noch vermittelt. Mache ich immer noch. Nettes Zubrot, leichte Arbeit.“

„Ich weiß nicht, nackt vor Studenten? Ich?“

„Klar, du! Du bist doch noch bestens in Schuss und an dir ist wenigstens was dran. Die jungen Dinger wecken in einem ja eher den Fütterinstinkt als alles andere.“

 

Sie ließ nicht locker und die Aussicht darauf, Geld zu verdienen, indem ich ein paar jungen Männern den Kopf verdrehte, tat ein Übriges. Eva erklärte mir, wie das ablaufen sollte. Barzahlung direkt bei mir und einmal im Monat Abrechnung mit Eva. Sie wollte fünf Prozent. Das war mehr als fair und wohl den alten Zeiten geschuldet. Dass ich auf Vorkasse bestand, fand sie nicht nötig aber auch nicht weiter tragisch. Sie überließ es mir. Ich sagte zu und saß eine Woche später vor einem Zwanzigjährigen, der konzentriert auf seinen Zeichenblock und alle paar Sekunden zu mir sah.

 

Das Geld hatte er mir im Treppenhaus gegeben, weil ich ihn dazu aufgefordert hatte. Für die sechzig Euro durfte er drei Stunden bleiben, schon nach einer war mir todlangweilig. So wie der mich ansah, war das hier das Gegenteil von erotisch. Meine anfängliche Hitze war vollends verschwunden, nachdem er kopfschüttelnd ein neues Blatt genommen hatte und mich noch verbissener anblickte. Ich nahm mir vor, bei den nächsten Sitzungen mein Notebook bereitzustellen, damit ich wenigstens lesen konnte.

 

Eva hatte nicht übertrieben. Die Studenten kamen scharenweise, was nicht zuletzt daran lag, dass sie mich bei den Vermittlungen bevorzugte. Mit Notebook war das Stillsitzen zu ertragen, aber meine Hoffnung auf die eine oder andere sitzend angebahnte Nummer wurde nicht erfüllt. Meine Etagennachbarin war gewohnt neugierig und bekam mit, dass ich jetzt häufiger Herrenbesuch bekam, den ich im Bademantel empfing und der mir noch an der Tür Geld in die Hand drückte.

 

Die meisten Studenten kamen wieder, weil sie nicht fertig wurden oder ein neues Thema umzusetzen hatten. Es machte mir nichts aus, nackt vor ihnen zu sitzen, es machte mich aber auch nicht mehr an. Sie waren einverstanden, dass ich eine Hand an der Maus hatte, um mich durch ein paar Romane zu scrollen. Die Nachbarin lauerte jetzt regelmäßig hinter ihrer Etagentür und bemühte sich nicht einmal, hinter dem Milchglas nicht aufzufallen. Ich nannte die zu überreichenden Beträge extra laut, damit sie Buch führen konnte.

 

Am Abend klingelte es und ich konnte sie an ihrer unförmigen Kittelfigur erkennen, weil im Treppenhaus Licht brannte.

„Laufkundschaft, wie nett!“, ließ ich deutlich vernehmen, bevor ich die Tür öffnete.

Sie schimpfte gleich los, nannte mich eine Schande für das ganze Haus und ließ mich wissen, dass sie sich beim Vermieter beschweren werde, wenn ich auch nur noch einmal Herrenbesuch empfinge. Ich lächelte sie aus meinem offenen Bademantel an, oben waagerecht, unten senkrecht. Das vertrieb sie in ihre Wohnung.

 

Am nächsten Tag hatte ich meinen ersten Gruppenbesuch. Stammkunden, die um Mengenrabatt gebeten hatten. Eva hatte vorgeschlagen, ihnen ein Drittel zu erlassen und so saßen drei konzentrierte junge Herren in meinem Wohnzimmer, um mich auf Papier zu bannen. Es klingelte und einer der Zeichnenden öffnete, damit ich nicht die Pose zerstörte.

 

Er kehrte mit meinem Vermieter wieder, einem seltenen Gast, der mich mit offenem Mund ansah. Er war Ende fünfzig, schätzte ich, sah noch ganz passabel aus und war der einzige im Raum, dessen Blick wieder ein bisschen der vermissten Hitze in mir aufkommen ließ. Ich erklärte ihm wahrheitsgemäß, um was es hier ging, die Jungs bestätigten das und die Qualität ihrer Zeichnungen auch. Er sah auf die entstehenden Werke und – ausschließlich zu Vergleichszwecken – auf mich. Der Vergleich zog sich und die Hitze nahm zu. Schließlich versprach er, dass die nachbarliche Beschwerde folgenlos bliebe und ging.

 

Die Klingel gegenüber blieb nur eine Sekunde unbeantwortet, dann keifte die Petze ihn an, bis er zurückschrie und ihr klarmachte, dass sie sich um ihren Kram zu kümmern habe und ja ausziehen könne, wenn sie sich hier unwohl fühle.

„DAS werde ich!“, polterte sie und knallte ihre Tür zu. Noch am Abend ließ ich den Vermieter wissen, ich hätte eine Nachmieterin an der Hand, falls die Nachbarin ihre Kündigung einreichen sollte. Sie reichte sie Tage später ein, ließ mich unaufgefordert wissen, dass es bei ihrer Schwester auf dem Land sicher gesitteter zugehe und Eva unterschrieb den Mietvertrag. Von da an nahm ich es mit der Vorkasse nicht mehr so genau.

„Wie bist du die Ziege so schnell losgeworden?“, wollte Eva wissen.

„Kinderspiel. Sekt?“

„Danke!“

 

© Joyce C.


Aktmodell auf Zeit 2